Montag, 28. Januar 2013

Das ist kurz und klingt cool. // Ein Körper, zwei Seelen

Ich wachte in der Straßenbahn auf. Ich wusste sofort wo ich war. Wie ich hier her gekommen bin, ist eine andere Frage. Mein Kopf fühlte sich verschlafen und überrumpelt an, trotzdem konnte ich mich an alles - Name, Zuhause, Freunde - ohne Probleme erinnern. Alles lag klar vor mir. Nur die letzten Minuten waren aus meinem Gedächtnis gelöscht. Vielleicht nicht ganz gelöscht, eher verschwommen, als ob mir mein Verstand das Leben vorspielt wie in einer dunklen Zwischensequenz eines Videospiels. Man braucht ein paar Sekunden, um sich wieder an die helle, normale Beleuchtung zu gewöhnen, um seine Finger auf der Tastatur neu auszurichten, aber dann ist alles wie immer.
Ich stieg an der nächsten Haltestelle aus. Neben mir wartete ein Junge in meinem Alter auf das Öffnen der Türen. Er schaute mich kurz fragend an, er wirkte hilflos. Die Kälte schlug mir ins Gesicht.


In diesem Moment wachte ich auf. Ich stand mitten in einer fremden Großstadt, an einer Straßenbahnstation, ohne Orientierung, ohne Erinnerungen woher ich kam, wer ich war. Nicht mal meinen Namen wollte mein Kopf ausspucken. Ich nannte mich einfach Jack. Das ist kurz und klingt cool.
Ein Junge eilte zielstrebig an mir vorbei, streifte mich leicht.
Ich setzte mich auf die nächstgelegene Bank und versuchte krampfhaft meine Erinnerungen abzurufen.
Nur mit dunkelblauem Pullover, grauer Hose und braunen Kunstlederschuhen bekleidet, zitterte ich vor Kälte.
Ich hatte nichts. Das war alles.
Mein Gehirn arbeitete unglaublich langsam. Ich hätte mich nicht gewundert, hätte ich ausversehen aufgehört zu atmen. Wenn ich sowieso nichts bin, warum sollte ich dann anderer Menschen Luft atmen.
Ich gehörte hier nicht her. Ich musste etwas unternehmen.
Als ich ruckartig aufstand, wurde mir schwarz vor Augen.


Da stand ich also. Schaute auf die Bahnhofsuhr: 14:37. Die Bahn hatte das letzte mal 14:28 hier gehalten. 9 Minuten einfach weg. Wo sie hin waren, konnte ich nicht sagen, aber das passiert mir ab und zu.
Manchmal stelle ich mir vor, ich wäre schizophren und würde mich deshalb an keinen dieser Momente erinnern können. Aber das habe ich nie jemandem gesagt. Die würden mich nur für  verrückt erklären. Haha. Warum sollte auch ein langweiliger, durchschnittlicher Elftklässler eine schwerwiegende psychische Störung aufweisen. Das würde so gar nicht in meine Durchschnittlichkeit passen. Es passiert ja auch nicht so oft, diese Abwesenheit. Höchstens einmal am Tag.
In Gedanken versunken hatten mich meine Füße nach Hause getragen. Ich hob gerade die Hand, um zu klingeln - ich schloss die Augen, atmete tief ein und aus, genoss die kalte, klare Winterluft und


Da fragte ich mich, warum ich hier stand. Welche Stadt, welches Haus? Bei welchem dieser Namen wollte ich gerade um Einlass bitten?
Ich suchte in meinem Kopf verzweifelt nach etwas Brauchbarem. Ohne Erfolg ging ich einfach weiter. Ich erkundigte mich nach dem nächsten Polizeirevier. Da konnte mir vielleicht jemand helfen. Ein älterer Mann beschrieb mir den Weg und nach ein paar Minuten war ich auch schon da. 

Ich überlegte mir wie man mich nennen sollte. Hm, Jack. Das ist kurz und klingt cool.
Ich schritt entschlossen zur Tür, verlor den Halt auf der vorletzten Stufe, ich fiel
.


So lag ich im dreckigen Schnee. Ein stechender Schmerz zog sich von meinem Handgelenk bis zum Ellenbogen. Mein Oberkörper hing noch auf den letzten Eingangsstufen eines Hauses. Ja, welches Haus war es?
Na klar. Das Polizeirevier! Hier arbeitete mein Vater. Ich hätte reingehen können, aber mit dem ganzen Matsch an den Klamotten wollte ich mich nicht zeigen. Ich schlich nur in die Eingangshalle um nach der Uhrzeit zu schauen: 15:33. Ich musste mindestens 40 Minuten in dieser Abwesenheit verbracht haben. So lange dauert es zu Fuß zur Polizei.
Es wird schlimmer, dachte ich.
Ich setzte mich in die nächste Straßenbahn und fuhr nach Hause.


Ich wachte auf. Ich war kurz eingenickt und meine Station war schon in Sicht. Ich hatte einen seltsamen, verschwommenen Traum. Als ich ausstieg, schlug mir die winterliche Kälte ins Gesicht.
Neben mir stieg ein Junge aus. Er wirkte verloren, irgendwie hatte er etwas Sonderbares an sich - leicht bekleidet, dazu ein leerer Blick, als ob er nicht wusste, wer er war. Er schaute mich plötzlich fragend an, doch ich ignorierte ihn. Ich hatte keine Zeit und eilte an Ihm vorbei. Ich hatte das Gefühl, ihn zu kennen - wie aus einem Traum.
Ich nannte ihn innerlich Jack. Das ist kurz und klingt cool.



RJK

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